News vom 09.08.2019

Projekt des Monats: Für den Genuss und fürs Klima

Schokoladenhersteller Weinrich wird vom drittgrößten Stromverbraucher Herfords zum Eigenerzeuger

Schokolade hat im ostwestfälischen Herford Tradition. Ob Trüffel, Bio- oder Fairtrade – bei der Ludwig Weinrich GmbH & Co. KG finden Schokoladenliebhaber seit 1895 alles was das Herz begehrt. Doch die Produktion der süßen Versuchung hat ihren Preis: Bis vor Kurzem musste die Firma für ihre energieintensive Produktion jährlich stolze 1,4 Millionen Euro für neun Millionen Kilowattstunden Strom ausgeben, wodurch Weinrich in der Rangliste der größten Stromverbraucher in Herford auf Platz drei landete. Diesen Platz hat Weinrich nun langfristig verlassen – denn mit einem neuen, modernen Energiekonzept kann die Firma nun zwei Drittel des Strombedarfs der Schokoladenproduktion aus Eigenerzeugung decken und gleichzeitig bis zu 1.924 Tonnen CO2 im Jahr einsparen.

Mit einem neuen, modernen Energiekonzept kann die Firma Weinrich bis zu 1.924 Tonnen CO2 im Jahr einsparen.Foto: Lara Blankenberg, EA.NRW
Mit einem neuen, modernen Energiekonzept kann die Firma Weinrich bis zu 1.924 Tonnen CO2 im Jahr einsparen.
Foto: Lara Blankenberg, EA.NRW


Eine hochmoderne Energiezentrale

Dafür sorgen ein 800 kW-Blockheizkraftwerk des Berliner Herstellers SES Energiesysteme GmbH, eine Absorptionskältemaschine (AKM), Speicher sowie ein zuschaltbarer Spitzenlastkessel, die für die Produktion von 22.500 Tonnen Schokolade im Jahr ganzjährig Wärme, Kälte und Strom bereitstellen. Die Anlagen wurden innerhalb einer neuen Energiezentrale errichtet, um dort die Erzeugung von Strom, Heiß-, Warm- und Kaltwasser mittels des Blockheizkraftwerks (BHKW) zu bündeln. Da das Firmengelände mitten in einem Herforder Wohngebiet liegt, wollte die Firma Weinrich mit dem Bau der Energiezentrale, außerhalb der Produktionshalle, mehr Platz für die Produktion schaffen. Die neuen Anlagen ersetzen einen Dampfkessel und dezentrale Kälteanlagen.

Das 800 kW-Blockheizkraftwerk ist das Kernstück der energetischen Anlage.Foto: Lara Blankenberg, EA.NRW
Das 800 kW-Blockheizkraftwerk ist das Kernstück der energetischen Anlage.
Foto: Lara Blankenberg, EA.NRW

Die Idee und der Wunsch für mehr Energieeffizienz existierten bereits seit längerem – dringend wurden die Überlegungen zum Energieverbrauch jedoch, als die Druckmessung des 40 Jahre alten Dampfkessels anstand. „Der Dampfkessel hätte die nächste innere Druckmessung nicht überstanden, er war einfach in die Jahre gekommen und ineffizient, wodurch eine Modernisierung sowieso nötig gewesen wäre“, erklärt der technische Betriebsleiter Hans-Joachim Kamphowe. „In diesem Zug haben wir uns direkt für ein effizientes Energiesystem entschieden.“ So entstand die Idee, eine Energiezentrale als kleines Kraftwerk vor dem Tor des Werkes zu bauen. Im Januar 2018 begannen schließlich die Arbeiten an der neuen Energiezentrale und wurden nach nur wenigen Monaten im Herbst desselben Jahres fertiggestellt.

1 Million Tafeln täglich

Der Umbau musste schnell gehen – in der Schokoladenfabrik in Herford wird schließlich ständig Energie gebraucht. Täglich gehen hier eine Million Tafeln Schokolade vom Band. Um die Produktion der zertifizierten Schokolade zu stemmen, arbeiten mehr als 300 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in drei Schichten von Sonntagabend bis Freitagabend in der Produktion an den raffinierten Schokoladen-Rezepturen. In das öffentliche Netz fließt somit nur ein kleiner Teil des Stroms, und das auch nur am Wochenende. Mit der Eigenerzeugung aus Energie kann Weinrich nun zwei Drittel des Strombedarfs decken. Das fehlende Drittel wird mit 100 Prozent Grünstrom abgedeckt.

Die Produktion der süßen Versuchung ist sehr energieintensiv.Foto: Ludwig Weinrich GmbH & Co. KG
Die Produktion der süßen Versuchung ist sehr energieintensiv.
Foto: Ludwig Weinrich GmbH & Co. KG

Hitze, Wärme und Kälte für die Schokoladenproduktion

Zur Erhitzung und Abkühlung der Kakaomasse werden Strom, Heiß-, Warm- und Kaltwasser bei der Produktion benötigt. Strom und Wärme werden dafür über das BHKW und die installierten Wärmetauscher erzeugt und für die Produktion bereitgestellt. Die Kälte wiederum wird mit Hilfe der vorhandenen Absorptionskältemaschine produziert. Da für die Schokoladenproduktion auch Kälte benötigt wird, wurde dies bei der Planung der Energiezentrale berücksichtig und das BHKW größer ausgelegt, als für die reine Wärmeproduktion notwendig war. So wird die zusätzlich erzeugte Wärme mit Hilfe der Absorptionskältemaschine in Kälte umgewandelt. „Durch den Einsatz der AKM werden allein 600.000 kWh eingespart, da nicht über Kompressionskälte gearbeitet wird“, erklärt der Betriebsleiter. Das BHKW läuft auf 100 Prozent, nur am Wochenende wird auf 60 Prozent gedrosselt, was für den Bedarf der Produktion an diesen Tagen reicht.

Zur Erhitzung und Abkühlung der Kakaomasse werden Strom, Heiß-, Warm- und Kaltwasser bei der Produktion benötigt.Foto: Lara Blankenberg, EA.NRW
Zur Erhitzung und Abkühlung der Kakaomasse werden Strom, Heiß-, Warm- und Kaltwasser bei der Produktion benötigt.
Foto: Lara Blankenberg, EA.NRW

Eine weitere Besonderheit der Anlage sind die drei Speicher der Energiezentrale, die den Verbrauch der erzeugten Medien entkoppeln. Die Wasserspeicher für Heiß-, Warm-, und Kaltwasser sollen einen kontinuierlichen und ruhigen Lauf des Kraftwerks bei produktionsbedingten schwankenden Energieverbräuchen ermöglichen. Zur Energiezentrale gehört auch ein 1-MW-Spitzenlastkessel, der dann einsetzt, wenn die Energieverbräuche (Wärme) zu hoch sind und nicht mehr über das BHKW abgedeckt werden können. Außerdem dient er als Redundanz – wenn das BHKW unter Umständen, z.B. bei der Wartung, ausfallen sollte. In diesem Fall kann der Spitzenlastkessel die Wärmebereitstellung komplett übernehmen.

Hans-Joachim Kamphowe kann die aktuell ablaufenden Prozesse in der Steuerungszentrale überwachen.Foto: Lara Blankenberg, EA.NRW
Hans-Joachim Kamphowe kann die aktuell ablaufenden Prozesse in der Steuerungszentrale überwachen.
Foto: Lara Blankenberg, EA.NRW

Digitalisiertes Kontrollsystem

Die hochmoderne Energiezentrale kann mittels eines digitalen Kontrollsystems ständig überwacht und bei Problemen per Fernwartung bedient werden. „Diese Anlage ist technisch sehr anspruchsvoll und perfekt zugeschnitten für die Firma Weinrich“, erklärt Frank Poliwoda, Vertriebsleiter West bei SES Energiesysteme GmbH in Erkrath. So wurde auch das Programm des Kontrollsystems passgenau von der Firma Schaper Steuerungstechnik aus Herford geschrieben. Über einen Bildschirm können alle Prozesse in der Steuerungszentrale überwacht und kontrolliert werden. Auch die Vernetzung der einzelnen Komponenten wird angezeigt sowie die Menge an Energie und die Temperaturen, die aktuell erzeugt werden. „Wir wissen mit diesem Programm genau wo Anomalien sind, wie viel Energie gerade erzeugt wird, welche Lastengänge wir haben und wo die Ströme hingehen“, erklärt Kamphowe.

Zum Nachmachen empfohlen

Die Firma Weinrich, die mit Energiemanagement nach ISO 50001 geprüft ist, hat rund fünf Millionen Euro in die moderne Energiezentrale investiert. An Förderungen wurden auch Tilgungszuschüsse der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) sowie BAFA-Zuschüsse für die Speicher wahrgenommen. Bei den hohen Stromkosten für die Produktion wird sich die Anlage nach Angabe der Firma bald gerechnet haben.

Täglich gehen bei Weinrich in Herford eine Million Tafeln Schokolade vom Band.Foto: Lara Blankenberg, EA.NRW
Täglich gehen bei Weinrich in Herford eine Million Tafeln Schokolade vom Band.
Foto: Lara Blankenberg, EA.NRW

Das moderne Energiekonzept reiht sich ein in die vorbildliche Nachhaltigkeitsstrategie der Firma. Seit den 1990er Jahren setzt das Familienunternehmen bereits auf Nachhaltigkeit. Bei der Herstellung von Bio- und Fairtrade-Schokolade gehört Weinrich zu den Weltmarktführern und exportiert seine Produkte in 50 Länder weltweit. „Weinrich stellt sich mit diesem innovativen Konzept für die Zukunft auf. Die Installation dieser hochmodernen Anlage, ist definitiv ein Best-Practice-Beispiel für Energieeffizienz mit KWK und vorbildlich für Unternehmen in NRW“, lobt Margit Thomeczek, Leiterin der Kampagne KWK.NRW – Strom trifft Wärme bei der EnergieAgentur.NRW, den Einsatz.

KWK.NRW – Strom trifft Wärme

Im Auftrag der NRW-Landesregierung will die Kampagne „KWK.NRW – Strom trifft Wärme“ der EnergieAgentur.NRW die Technologie bekannter machen und wirbt für deren Ausbau. Gemeinsam mit derzeit rund 150 Partnerinnen und Partnern aus Verbänden, Wirtschaft, Forschungseinrichtungen, öffentlicher Verwaltung und weiteren Einrichtungen aus NRW bündelt die Kampagne viele Aktionen und Maßnahmen.

KWK vor Ort: v.l.n.r. Frank Poliwoda von SES Energiesysteme, Margit Thomeczk von der EnergieAgentur.NRW, Hans-Joachim Kamphowe von der Firma Weinrich, Marvin Klejdzinski, Melanie Korte, Christian Levermann (alle EnergieAgentur.NRW).Foto: Lara Blankenberg, EA.NRW
KWK vor Ort: v.l.n.r. Frank Poliwoda von SES Energiesysteme, Margit Thomeczk von der EnergieAgentur.NRW, Hans-Joachim Kamphowe von der Firma Weinrich, Marvin Klejdzinski, Melanie Korte, Christian Levermann (alle EnergieAgentur.NRW).
Foto: Lara Blankenberg, EA.NRW

Im Rahmen eines KWK.NRW-vor-Ort-Termins besuchten Experten der EnergieAgentur.NRW im Mai 2019 die Schokoladenfabrik in Herford und konnten sich ein eigenes Bild über die hocheffiziente Energiezentrale mit dem BHKW des Kampagnenpartners SES machen.